Michael Kruse

Heute vor einem Jahr – in jeder Niederlage steckt auch eine Chance

Gestern posteten viele Menschen Bilder vom Abend der Bürgerschaftswahl, sie war genau ein Jahr her. Jubelnde Menschen, glückliche Menschen, erleichterte Menschen. Von uns Freien Demokraten gab es diese Bilder nicht, es gab diese Geschichte nicht zu erzählen. Also habe ich dazu nichts gepostet. Ich möchte Euch stattdessen von heute vor einem Jahr erzählen, denn die Geschichte hat bisher keiner erzählt.
 
Am Montagmorgen nach der Wahl ging ich in die Geschäftsstelle zu unseren Mitarbeitern, es war etwa 10 Uhr. Die Wahlniederlage war noch nicht ganz final, aber sie war sehr sicher. Als ich ankam, saßen alle zusammen in einem Raum, die meisten auf dem Boden, nicht nur sprichwörtlich waren sie dort angekommen. Es herrschte Totengräberstimmung. Harter Alkohol machte die Runde. Eine Mischung aus Wut, Trauer, Verzweiflung und letzter Hoffnung lag in der Luft. Ich weiß nicht mehr genau, was ich gesagt habe. Ich habe nur gespürt, dass unser Team sehr froh war, jemanden aus der Führung da zu haben. Ich habe unseren Mitarbeitern klar gemacht, dass sie für diese Niederlage nicht verantwortlich sind; dass wir verloren haben, obwohl wir alle so hart gekämpft hatten; dass es zur Politik dazu gehört, zu verlieren, obwohl man nicht das Gefühl hat, es verdient zu haben. Und dass ich mich anstrengen werde, neue Perspektiven für unsere Mitarbeiter zu entwickeln. Der Anblick eines echten Teams, das zu formen Jahre gedauert hatte und das auch in schwierigen Zeiten zusammenstand, das innerhalb von drei Wochen neue Jobs benötigte – Familienväter, werdende Väter, Mitarbeiterinnen mit viel Erfahrung und tollen Arbeitsleistungen – es trieb mir bald die Tränen in die Augen, dieses tolle Team so am Boden zu sehen.
 
Und ehrlich gesagt war dieses Versprechen für neue Perspektiven anfangs schwierig umzusetzen. In die letzte Woche der Legislaturperiode fiel der Beginn der Corona-Maßnahmen und damit ein schlagartiges Anhalten des Arbeitsmarkt, jeder erinnert sich. Aus einem für Akademiker tollen Arbeitsmarkt wurde über Nacht einer, der den Atem anhielt, eben noch geplante Stellenausschreibungen wurden ausgesetzt, frei werdende Stellen über Nacht nicht besetzt. Die politische Großwetterlage nach der verlorenen Wahl und den Ereignissen in Thüringen trug nicht dazu bei, dass die Lebensläufe unserer Mitarbeiter überall mit warmen Herzen in Empfang genommen worden wurden. Und so wurde dieser Prozess trotz vieler Kontakte mit guten Absichten zu einem Dauerlauf. Und doch: Nach dem ersten Lockdown gab es mehr Klarheit. Gespräche. Neue Chancen. Die ersten Erfolge für Perspektiven. In Hamburg. In Berlin. In Bremen. Mitarbeiter um Mitarbeiter fand eine neue Herausforderung. Ich bin sehr stolz darauf, bei einem großen Teil unserer Leute dazu beigetragen zu haben, dass sie neue Betätigungsfelder gefunden haben und daraus neue Herausforderungen gewachsen sind. Denn: Jemand muss auch die Scherben auffegen, die nach politischen Niederlagen herumliegen. Ich fühlte mich dazu verpflichtet. Mir ist eine große Last von den Schultern gefallen, nachdem fast alle aus unserem Team neue Schritte gehen konnten, und das erwartungsgemäß gut machen. 2013, als nach der Bundestagswahl viele unserer Leute über Nacht bei Abgeordneten und Fraktion keinen Job mehr hatten, hatte ich das schon mal erlebt. Ich habe danach aber auch feststellen können, dass die Entwicklung vieler eine gute Richtung genommen hat, auch wenn der Impuls kein positiver war. Heute, nach einem Jahr, kann ich sagen: Diese positive Entwicklung sehe ich bei vielen unserer Mitarbeiter auch, und es macht auf die Distanz Freude, dabei zuzusehen. In jeder Niederlage steckt deshalb auch immer eine Chance. Auch wenn es sich nicht so anfühlte. Heute vor einem Jahr.
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