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Nachruf auf Guido Westerwelle

Es war ein kalter Abend im Herbst 2010. Ein Italiener in Berlin-Mitte.
Der Bundesvorstand der Jungen Liberalen traf sich mit dem seit einem
Jahr im Amt befindlichen Bundesaußenminister und FDP-Parteivorsitzenden
Guido Westerwelle. Die jungen Wilden waren an diesem Abend aufgeregter
als sonst. Den Vizekanzler trifft man schließlich nicht täglich zum
Abendessen.

Es dauerte eine Weile, bis Guido Westerwelle bei uns war. Erst zeitlich,
dann gedanklich. Viel unterwegs, im Geiste in der ganzen Welt und
ständig mit Europas Krise befasst. Er stand merklich unter Druck. Es
waren Fehler passiert, es waren Sachen schief gegangen. Sichtlich von
all dem angegriffen nahm er sich dennoch Zeit. Zeit, mit denen zu
sprechen, die ihn so gerne unterstützen wollten, und deren Zweifel in
diesen Tagen doch wuchsen.

Der Abend begann mit vorsichtiger Annäherung. Zu greifbar war der Druck,
den Verantwortung, Terminstress und Dauererreichbarkeit bei Menschen
erzeugen. Getrieben wirkte er. Es dauerte, bis seine Angespanntheit
nachließ. Essen half. Und das Gefühl, dass Menschen um ihn waren, die
die gleichen Ziele hatten.

Vor uns saß ein Lernender. Ein junger Außenminister, der erzählte, wie
er bei einem offiziellen Termin einen Schritt zu weit über den roten
Teppich gegangen und bei militärischen Ehren anschließend fast von einem
Florett getroffen worden war. Wir lachten und erkannten: Nicht mal er
als überaus talentierter Politiker war in seine Ämter hineingeboren
worden. Solche Verantwortung zu tragen ist erlernbar – eine wichtige, an
diesem Abend aber nur mitschwingende Nachricht. Eine liberale Botschaft
im Subtext.

Ernst war die Lage und bedrohlich die Situation, aus der wir als Partei
uns schon damals nicht mehr befreien konnten und deren trauriger
Höhepunkt Ende 2013 kam. Als ich an der Reihe war, fragte ich Guido
Westerwelle, was er tun wolle gegen eine mediale Kampagne, die
offensichtlich zum Ziel habe, seine politische Karriere zu beenden. Die
Frage eines Hoffenden, die Frage eines Unterstützers.

Mit seiner Reaktion auf meine Frage hatte ich nicht gerechnet. Er
verspannte sich, hörte auf zu essen, lehnte sich zurück, verschränkte
die Arme. An die Antwort erinnere ich mich nur wenig. Aber ich erinnere
mich daran, wie mich durch die Hilflosigkeit seiner Antwort das Gefühl
beschlich, dass unser Vorsitzender längst nicht mehr in der Position
war, in der ich ihn kannte: In der des Angreifers. Andere entschieden
nun über sein Schicksal. Der Zug, den er Monate zuvor noch erfolgreich
steuerte, war vor einer Weile ohne ihn weitergefahren.

Ich empfand damals Mitleid mit einem Menschen, der gerade scheinbar
alles erreicht hatte. Scheinbar. Denn das erste Jahr der Koalition hatte
gezeigt: Es gibt keine Gnadenfrist für einen Politiker, der so viele
andere scharf attackiert und dabei vermutlich für einigen Groll gesorgt
hatte. Dieser Groll entlud sich nun – kurz, heftig und in vielen Fällen
auch unfair. Wir, seine Parteifreunde, litten mit ihm.

Das gemeinsame Gespräch hinterließ ein beklemmendes Gefühl. Weil er
wusste, was bevorstand. Da saß ein Mensch unter uns, dem seine
Entscheidungen viel näher gingen als viele meinten. Da saß ein Mensch,
den die Kritik um einiges härter traf und der viel sorgfältiger abwog,
als viele sich aufgrund der medialen Darstellung von ihm vorstellen
konnten. Mehr als ein Jahrzehnt in der ersten Reihe der Aufmerksamkeit
prägten ein Bild. An diesem Abend trafen wir einen anderen Guido
Westerwelle als den, den man aus der Öffentlichkeit kannte.

Warum ist diese Seite an ihm, die menschliche, erst so spät sichtbar
geworden? Es wäre ihm vergönnt gewesen, noch länger mit dem wirken zu
können, was er war und zuletzt auch der Öffentlichkeit zeigen konnte:
Ein feiner Charakter, ein anständiger Kerl, ein aufrechter Demokrat und
Europäer, eine Inspiration für viele Zuhörer und jemand, dessen Ziel es
war, die Welt zu verändern.

 

 

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